Montag, 24. August 2026

Der große Sprung

 Nach viel hin und her Überlegen, welches nun unser nächstes Ziel sein soll, Dieppe, Fecamp oder gar Le Havre kamen wir zunächst auf Bolougne sur mer, ist am nächsten dran, kennen wir auch schon. Das war aber auch die Crux, wir mögen die Stadt und vor allem die Marina beide gar nicht. Sie liegt ziemlich bescheiden an der Mündung des dortigen Flußes, der zum einem für eine Dreckbrühe sondersgleichen sorgt und für heftige Strömungen im Hafen, wenn die das Wehr aufmachen. Und bei Niedrigwasser schaut man direkt in den Untergrund von Bolougne, der ist nicht hübsch und stinkt. Lange Rede, wir entschieden uns, direkt nach Saint Vaast la Hogue zu gehen, ein Törn von 200 Meilen direkt durch den englischen Kanal. Das Wetter war so halbwegs angesagt, bis 20 Knoten Wind, das war akzeptabel. Der Routenplaner hatte so 34 Stunden angesagt, also schon ein laaanger Trip. Und  lauter Premieren für uns, erster echter Über Nacht Törn, das erste mal aus der 12 Meilen Zone raus, das erste mal länger als einen Tag am Stück unterwegs. 
Es würde also interessant werden.

Start in Dünkirchen war 05:00, da wir auf jeden Fall bei Tageslicht am Ziel ankommen wollten. Diesmal war der Wind im Wesentlichen von der Seite, der Segler sagt Halbwind oder von schräg hinten, Raumschots, angesagt. Das ist ein wesentlich angenehmeres Segeln als mit Wind von schräg vorn -Am Wind, es zieht weniger im Cockpit und man hat weniger Schräglage. 
Wir hatten schon beim setzen des Großsegels direkt das erste Reff eingebunden, es war ja etwas mehr Wind angesagt. Dabei musste ich feststellen, das das neue Großsegel noch so steif war, das ich den Ring der im Reffhaken einzuhängen ist, nicht eingehängt bekomme. Da musste ich mir mit einem zum Glück vorhandenen Dynema-Loop helfen. Den hatte ich vor einiger Zeit mal als Übungsobjekt fürs Spleißen gebaut.  

Der hält einige Tonnen Last aus

Da muss ich mir noch Softschäkel für alle drei Reffs basteln und die dauerhaft installieren. 

Ablegen in Dünkirchen , natürlich mit Strömung, deswegen einigem Manövrieren und dann raus.


Dünkirchen Industrieromantik

Drausen erwartete uns ein frischer Wind, das Reff war also goldrichtig. Wir segelten erst mal relativ an der Küste entlang. Die erste Hürde die es zu Überwinden galt war Calais. Dort werden viele der Kanalfähren unseren Weg kreuzen. Die sind verdammt schnell. Wir haben zwar im Prinzip als Segler Vorfahrt, aber darauf möchte man sich ungern verlassen. Es war dann aber beherrschbar, zwei der Fähren verliesen kurz vor uns den Fährhafen, drei von denen kamen von Dover herein. Wir sind dann einige male ein wenig ausgewichen um hinter denen durch zu gehen. Alles nicht dramatisch oder knapp. Aber wir waren dann doch froh, da durch zu sein. 
Dann ging es die Küste entlang Richtung Bolougne sur mer. Leider war der Wind etwas zu sehr von hinten, so das wir doch gelegentlich wenden, bzw. halsen mussten. Direkt vor dem Wind geht mit unserer Besegelung nicht, wir brauchen einen gewissen Winkel zum Wind um segeln zu können. Das kann man schön an der Kurslinie sehen, wo wir drehen mussten. Zum Glück war es nicht so oft, als das es in Stress ausartete.


Wir wollten so dicht wie es möglich war am Verkehrstrennungsgebiet entlang segeln, meiner etwas naiven Vorstellung folgend, das dort nicht so viele Fischerboote fischen.  Das war aber ein Irrtum, Fischerboote ohne Ende, ständig mussten wir denen ausweichen. Das war dann, gerade nachts etwas lästig. 

Der Wind wurde immer stärker, die Wellen immer höher, als dann bei den Wenden Anett immer mehr Mühe hatte das Boot auf Kurs zu halten, beschlossen wir das zweite Reff ins Groß zu binden und auch das Vorsegel ein wenig zu reduzieren. Das war eine gute Entscheidung, zwar wie immer nicht rechtzeitig, aber lieber spät als nie.

Sonnenuntergang auf See

So segelten wir in die Nacht. Wir wollten beide auf bleiben, Anett traute sich nicht zu das Boot nachts alleine zu führen, ich hätte wegen des dichten Verkehrs eh keine Ruhe gehabt. Unten schlafen wollte Anett auch nicht, da sie, wenn sie sich unten aufhält ein wenig zur Seekrankheit neigt. Pillen helfen aber.  Ab der Dunkelheit haben wir uns dann auch permanent mit den Lifelines eingepickt, also fest mit Ösen im Cockpit angebunden. Wenn nachts einer über Bord geht ist das ein echtes großes Problem. 
Im Verkehrstrennungsgebiet(der rosa Bereich im Kursverlauf) war viel los, eine Perlenkette von Schiffen in jede Richtung. Dazu sehr viele Fischer, man hatte im Prinzip keine Ruhe, musste ständig aufmerksam sein. Aber das hält einen wach. 

Unser Kursverlauf bis Mitternacht

 Wie man sehen kann war wir mal richtig schnell, 11kn, da hatten wir die Strömung mit uns. Wind maximal 30kn, das ist auch ordentlich. Die Wellen waren mittlerweile auch auf ca. 2m angewachsen, ein, zwei mal lagen wir quer zu den Wellen, das war schon ein interessantes Gefühl wenn dabei das Boot so richtig tief krängt.

Ab einer Entfernung von mehr als 12 Meilen von der Küste schaltet Starlink das Internet weg, man muss dann den Ocean Priority Modus einschalten um wieder online zu sein, kostet 1,97€ pro GB. Das hat dann dann aber prima geklappt. Ich habe es nur dummerweise vergessen wieder abzuschalten, als wir dann innerhalb der 12 Meilen Zone waren, das waren dann paar Euro unnötige Extrakosten. 

Anett hat dann gelegentlich mal 10 Minuten geschlafen, ich anscheinend auch, jedenfalls hat Anett mich mit Augen zu erwischt

Beim Pennen erwischt


Im Laufe der Nacht nahm der Wind dann, wie angesagt, ab. Wir wurden deutlich langsamer, aber das Segeln wurde auch angenehmer. Unterwegs kreuzte dann dieser Dampfer in nur 600m Entfernung. Ein Bilderrätsel...



AIDA Perla, ganz deutlich :), Diskodampfer


Leider haben wir zu spät die Reffs rausgenommen, so das wir einiges an Zeit verloren haben. Das hat sich dann ein wenig als Nachteil herausgestellt. Schließlich wurde der Wind so schwach und aus der falschen Richtung kommend, das wir den Diesel angeworfen haben und motorgesegelt sind. 
Unser Ziel war Saint Vaast la Hogue, ein Hafen dessen Einfahrt nur um Hochwasser befahrbar bzw. das Tor nur dann geöffnet ist. Bei Niedrigwasser fällt die Einfahrt komplett trocken. 
Leider würden wir, da wir in der Nacht zu langsam waren, die Öffnungszeit am Nachmittag nicht schaffen. Also hieß es, vor Saint Vaast ein wenig auf und ab zu segeln, Wind war wieder gut, also kein Problem. Erst hatten wir überlegt zu ankern, waren aber zu platt von der langen Nacht, da erschien uns das Segeln einfacher.

Um 20:20 durften wir dann hereinfahren. Es war aber ein Fehler direkt nach dem Öffnen des Fluttores einzufahren, es stand eine mörderische Strömung(scheint meine Nemesis zu sein)  in den Hafen hinein.  An der freien Box standen Leute, so das ich dachte die Box ist schon besetzt. Ich bin dann vorbeigetrieben, muss man sagen, habe den Leuten zugewinkt und die signalisierten dass die Box doch frei ist. Beim Versuch zu wenden musste ich wirklich voll Power geben um gegen den Strom anzukommen. Das war aber mal ganz gut für den Diesel, der hatte in letzter Zeit bissel gequalmt, das ist jetzt fast weg. Anscheinend hat sich da einiges frei gebrannt. Die Anfahrt auf die Box war dann auch spannend, wegen tada. Strömung. Am Ende hat aber alles gepasst und wir lagen fest in Saint Vaast la Hogue. 205 Meilen und 40 Stunden nach dem Start in Dünkirchen. Es war weniger schlimm als erwartet, ich hätte nicht gedacht, das ich 40 Stunden ohne Schlaf so relativ locker wegstecke. Anscheinend hat man da genug Adrenalin in sich, das man das durch hält.

Leider ist unterwegs in unserem Druckwassersystem ein Schlauch von einer Tülle gerutscht, so das unsere Trinkwasserpumpe fröhlich 200l Wasser ins Boot gepumpt hat. Da hatten wir für den nächsten Tag eine Aufgabe, all das Wasser wieder aus der Bilge und anderen Stellen herauspumpen. 

Aber erst mal hieß es ausschlafen.

Zweiter Teil des Törns


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